Inwieweit können Länder der Dritten Welt vom internationalen Tourismus profitieren? Auf den ersten Blick könnte die Tourismusbranche als ein wichtiger Wirtschaftszweig angesehen werden, dem es möglich ist, dringend benötigte Devisen in die leeren Kassen der Entwicklungsländer dieser Erde zu bringen. Die Entwicklung der internationalen Tourismuswirtschaft seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zeigt jedenfalls ein eindeutiges Bild auf. Soziale und ökonomische Veränderungen vor allem in den entwickelten Ländern, wie zum Beispiel höhere Einkommen, eine gerechtere Verteilung derselben und die technologischen Innovationen der Transportindustrie, die letztendlich in Verbindung mit einer steigenden Nachfrage zu einer erheblichen Senkung der Reisekosten führten, sorgten für einen bis heute anhaltenden Boom der Reiseindustrie. Gab es 1950 lediglich etwa 25 Millionen Ankünfte von Touristen weltweit, stieg die Zahl 1999 auf 664 Millionen (WTO, 2000:12). Die Tourismusbranche wächst unaufhaltsam weiter und schon im Jahre 2010 wird damit gerechnet, dass die Milliardenmarke bei internationalen Ankünften von Touristen erreicht wird.
Können Entwicklungsländer tatsächlich von dieser Entwicklung profitieren? Louis Turner beschreibt den internationalen Tourismus als die verheißungsvollste, komplexeste und am wenigsten untersuchte Industrie im Hinblick auf die Probleme der Dritten Welt (Turner, 1976:253ff.). Obwohl diese Einschätzung mittlerweile schon fast 30 Jahre zurückliegt, trifft sie auch heute noch größtenteils zu. Eine vorschnelle positive Beurteilung des "Tourismusbooms" in der Dritten Welt ist aufgrund schwerwiegender Probleme, zum Beispiel im Bereich der Umweltverschmutzung, genauso wenig angebracht wie die teilweise vor allem in den 70er Jahren vorherrschende Meinung, Tourismus in der Dritten Welt sei eine Art Neo-Kolonialisierung. Tourismus hat sich weder als entwicklungspolitische Wunderwaffe erwiesen, noch hat Tourismus zu einer zunehmenden Verelendung der Dritten Welt geführt.
Der Tourismus ist sehr weit davon entfernt, als Lösung für die Probleme und Schwierigkeiten der Länder der Dritten Welt zu dienen. Dafür sind die Entwicklungsländer in ihren Merkmalen zu verschieden und zu vielschichtig.
Spätestens seit Anfang der 90er Jahre ist das Konzept der nachhaltigen Entwicklung aus der aktuellen Diskussion in allen Politikfeldern nicht mehr wegzudenken. Vor allem durch den Brundtlandbericht aus dem Jahre 1987 und die Uno-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro hat der Begriff weltweite Bedeutung erlangt. Im Bereich des Tourismus wird die Konzeption der Nachhaltigkeit von den meisten Akteuren für sich beansprucht, um sich selber und ihrem Handeln eine moralische und ökologische Absolution zu erteilen. Dazu zählen bei weitem nicht nur die nach Gewinn strebenden Reiseveranstalter, sondern auch Regierungsvertreter, lokale Politiker und nicht zuletzt auch die Touristen selber, die den Begriff der Nachhaltigkeit oft nach ihren individuellen Wünschen definieren.
Spricht man von nachhaltigem Tourismus, muss unweigerlich auf das Konzept des so genannten Ökotourismus eingegangen werden. Dieses Konzept kann als eine Art Symbiose verschiedener Strömungen angesehen werden. Auf der einen Seite greift es das Konzept der nachhaltigen Entwicklung auf und verbindet dieses mit der aktuellen touristischen Nachfrageentwicklung in Form eines naturbezogenen Tourismus. Auf der anderen Seite wird Ökotourismus als eine Möglichkeit für einen nachhaltigen Schutz der Flora und der Fauna in dem jeweilig bereisten Land gesehen.
Die vorliegende Diplomarbeit geht von der Hypothese aus, dass nachhaltiger Tourismus und hierbei im besonderen Sinne Ökotourismus zu einer nachhaltigen Entwicklung in einem Entwicklungsland durchaus beitragen kann.
Bei genauerer Betrachtung der Materie bieten sich interessante Möglichkeiten, den Tourismus zur Umsetzung entwicklungspolitischer Ziele zu nutzen. Es muss aber, wie schon erwähnt, ebenfalls darauf hingewiesen werden, dass nur wenige Länder derart geeignet für eine solche Untersuchung sind wie das für die Fallstudie ausgewählte zentralamerikanische Land Costa Rica. Costa Rica wird als eines der Länder mit der höchsten Biodiversität weltweit angesehen und ist daher als Ökotourismusland mit seiner attraktiven naturräumlichen Ausstattung für eine Untersuchung über Tourismus und nachhaltige Entwicklung geradezu prädestiniert. Ebenfalls zu prüfen ist, inwieweit dieses kleine Land die naturschutzpolitischen und sozio-ökonomischen Ziele und Prinzipien des Konzepts des Ökotourismus umsetzen kann und will.
Im weiteren Sinne lässt sich Ökotourismus an sich als System mit den Bestandteilen Tourismus, Umweltschutz und nicht zuletzt auch Entwicklungszusammenarbeit interpretieren. Hierbei muss angemerkt werden, dass die Förderung des Tourismus in Entwicklungsländern derzeit in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit eine eher untergeordnete Rolle spielt. Zum Teil wurden tourismusbezogene entwicklungspolitische Aktivitäten an die Europäische Union delegiert, zum Teil wurden sie einfach eingestellt (Kasparek 1998:66ff). |